Mutige Entscheidungen werden belohnt

Mutige Entscheidungen werden belohnt

Wie und warum sich die Profis bei der Aufnahme auf Sounds festlegen

Fast alle wegweisenden Alben Sounds haben einen ähnlichen, gemeinsamen Entstehungsfaktor: Die Sounds wurden vor der Aufnahme optimiert und geformt – um dann genauso aufgenommen zu werden. Einen Vorverstärker hart anfahren, radikale EQ-Texturen, kreative Mikrofonplatzierung, jeder Sound wird zu einem wichtigen Baustein des finalen Mixes, jeder Sound beeinflusst den darauffolgenden. In gewissem Sinne ist bereits beim Recording ein Mixing-Prozess eingebettet.

Warum solltest du dir bei den fast grenzenlos verfügbaren Nachbearbeitungs- und Mixing-Optionen überhaupt einen Kopf machen? Das bedeutet doch Fortschritt, oder? Lass und später darüber entscheiden. Also gut: Wenn Geschichte in irgendeiner Form als Leitlinie gilt, dann bevorzugt das Schicksal beim Recording eindeutig die Mutigen.

Für diesen Artikel sprachen wir mit vier Ausnahmekönnern der Tontechnik und Audioproduktion – Joe Chiccarelli, Jacquire King, Joel Hamilton und Trevor Lawrence Jr. Wir haben erfahren, warum die Festlegung auf bestimmte Sounds während der Aufnahme ein wesentlicher Bestandteil ihrer erfolgserprobten und mit Platin ausgezeichneten Arbeitsweise ist und welche Rolle die UAD Unison Mikrofonvorverstärker-Technologie dabei spielt.

Die Produzenten

Jacquire King

Jacquire King

Die herausragenden Produktions- und Engineering-Fähigkeiten des gebürtigen Washingtoners, der bereits 30-mal für einen Grammy nominiert wurde und diesen mehrfach gewann, haben die Alben von Kings of Leon, Tom Waits, Shania Twain, James Bay, Kaleo veredelt.

Joe Chiccarelli

Joe Chiccarelli

Die umfangreiche Referenzliste des aus Boston stammenden, achtfachen Grammy-Gewinners Chiccarelli umfasst neben Hunderten anderen u. a. My Morning Jacket, The Killers, Morrissey, Frank Zappa und Jason Mraz.

Joel Hamilton

Joel Hamilton

Produzent, Engineer, Musiker und Miteigentümer des Studio G Brooklyn, Joel Hamilton, lebt in Brooklyn und wurde ebenfalls bereits für den Grammy und Latin Grammy nominiert. Zu seinen Referenzen gehören Tom Waits, Highly Suspect, Pretty Lights, Sparklehorse und The Black Keys.

Trevor Lawrence, Jr.

Trevor Lawrence, Jr.

Als stark gefragter Schlagzeuger, Produzent und Komponist hat Lawrence Jr. bereits mit Eminem, Alicia Keys, 50 Cent, Mariah Carey, LeAnn Rimes, Herbie Hancock, YG, Lionel Richie und Bruno Mars gearbeitet.

Entscheidungsprobleme

“Alle legendären Alben, die wir lieben, präsentieren den Sound der Entscheidung,” sagt Produzent Joel Hamilton. “In dem Moment, wenn ich den Aufnahmeknopf drücke, fälle ich eine Entscheidung – verschiedenes Equipment bereits bei der Aufnahme für die Soundoptimierung zu verwenden ist dabei das, was wir machen. Punkt. ”

Hamilton ist sicherlich ein echter Verfechter der Klanggestaltung vor der Aufnahme, aber: Kämpfen die Künstler, mit denen er arbeitet, überhaupt für einen eher ergebnisoffenen Ansatz? Offensichtlich nicht!

“Schau, wenn es sich schon bei der Aufnahme großartig anhört, wer würde dann jemals sagen 'Können wir diesen 4dB Boost bei 10kHz bei der Snare rausnehmen? Es klingt großartig, aber ich bin mir nicht sicher, ob es großartig klingen soll.' Wer würde denn so etwas jemals sagen”

Produzentenlegende Joe Chiccarelli stimmt mit ein: “Bei der Musikproduktion geht es darum, ein bestimmtes Klangbild davon im Kopf zu haben, wo das fertige Album ankommen soll. Ich verfolge immer den Ansatz, mich diesem Ziel zu verpflichten. Im Grunde mische ich das Album, bevor ich überhaupt einen Fuß in das Aufnahmestudio setze. Wenn ich an Songs oder Arrangements arbeite, ja sogar schon bei den Proben, denke ich immer daran, wie alle musikalischen Teile eines Puzzles zusammenpassen. Selbst in diesem Entwicklungsstadium mische ich gewissermaßen. Ich wähle meine Instrumente und Sounds und denke über ihre Hierarchie im Song nach..”

Grammy-Gewinner Jacquire King unterstützt diesen Gedanken: “Ich finde es einfach besser, felsenfeste Entscheidungen zu treffen und diese dann voranzutreiben. Wenn du mit einer Denkweise und einem Rahmen arbeitest, in dem das nicht der Fall ist, fühlt sich nichts endgültig oder wichtig für das Gesamtbild an.” Die Kombination der Signalbearbeitung im Frontend (vor der Aufnahme), die King gerne für die Umsetzung seiner 'fertigen' Spuren einsetzt, stützt sich auf die Unison-fähigen UAD Neve 1073 und API 500 Series EQs, UAD LA-2A, 1176 Classic Limiter und Neve 33609 Kompressoren und sogar auf den UAD Moog Multimode Filter, um nur einige zu nennen.

Highly Suspect “My Name is Human” aus dem Album The Boy Who Died Wolf, produziert von Joel Hamilton.

“Die Künstler, mit denen ich arbeite, vertrauen dem Grundsound, den ich anstrebe, zumindest solange, bis das Gegenteil bewiesen ist,” sagt King. “Aber unabhängig davon, ob der Klang jetzt schon gut ist, würde ich es trotzdem vorziehen, von Anfang an etwas zu wagen, und in den seltenen Fällen, in denen sich ein Sound als nicht ideal herausstellt, befasse ich mich dann mit den Konsequenzen. Dieser Kampf kann auch großartig sein. Ohne Fleiß, kein Preis! Oder?”

“Unentschlossenheit ist der Tod guter Kunst.” — Joe Chiccarelli

Sich gegenseitig verpflichten

Eine weitere Überlegung sich auf Sounds im Frontend festzulegen beruht darauf, dass es die Sounds sind, die Musiker während der Aufnahme des Tracks hören. Während ein Mixing-Engineer typischerweise einen gewissen künstlerischen Freiraum in einen Mix mit einbringt, ist es fast unmöglich, mit dem Bauchgefühl der Band im Aufnahmeraum zu diskutieren – ungeachtet der endlosen Möglichkeiten, wie bspw. Amp-Simulationen auszutauschen, Drums zu ersetzen oder den Vocals etwas mehr Griffigkeit zu verleihen.

“Deshalb zurre ich alles fest, besonders Schlagzeug, Bass, Gitarre und Keyboards,” sagt Produzent Trevor Lawrence, Jr.

“Du fixierst in diesem Moment den Sound, der die musikalische Darbietung inspirierte. Den Song ohne diesen Sound zu hören, könnte die Absicht des Künstlers doch völlig verändern.”

Auch Lawrence Jr. nimmt beim Drum-Recording mit seinem Apollo über das UAD Neve 1073 auf. Normalerweise stellt er alle Regler von Grund auf neu ein, nutzt aber auch Joe Chiccarelli’s Presets als Ausgangspunkt. Die Drum-Sounds werden zusätzlich durch den UAD API 550 EQ und den UAD Manley Massive Passive EQ geschickt. "Ich verwende auch immer ein UAD Shadow Hills Mastering Plug-In auf dem Stereo-Bus als Referenz", fügt er hinzu. "Damit klingt alles besser."

Während die Idee, sich bereits beim Aufnehmen auf Sounds festzulegen, deutlich in die Zeit der analogen Tonbandaufzeichnung zurückreicht – in eine Zeit, als endlose Optimierungen im Rechner einfach keine Option waren - sieht Chiccarelli es eher als Teil eines künstlerischen Prozesses der heute noch genauso gültig ist wie in den Anfangstagen des Multitrackings in den 1970er Jahren.

"Ich habe das Aufnehmen in Zeiten der 24-Spur Analog-Bandmaschinen gelernt", sagt er. "Da musstest du einfach Entscheidungen treffen. Das Mixing war dann eher ein Balancing-Prozess. Deine Sounds waren etwas, was du bei der Aufnahme eingestellt hast und nicht während des Mixings. Mixing ist etwas Schnelles. Es bleibt kaum Platz für einen zweiten Versuch."

"No Good" von Kaleo aus dem Album A / B, produziert von Jacquire King.

"Meiner Erfahrung nach ist Recording ein additives Verfahren, bei dem ein Element den Klang anderer Elemente beeinflusst, die beim Overdubbing folgen. Eine bestimmte Gitarren- oder Keyboard-Soundwahl macht mir klar, wie das nächste Element klingen muss, damit es richtig in den Mix passt."

"Wie Tom Dowd und die Beatles und all die anderen Legenden der Musikproduktion, die wirklich nicht viel Ausrüstung hatten - du musst mutig entscheiden. Triff eine Entscheidung und halte dich daran." — Jacquire King

Entscheide dich – aber habe auch immer einen Plan B

Wenn der alte Spruch "Nur Dummköpfe stürmen in die Liebe" noch immer stimmt, könnte man es umdeuten, dass Toningenieure einen Plan B für den Fall bereithalten müssen, dass die Klangliebe vergeht. Wenn du zusätzlich eine unbearbeitete Kopie der Vocals oder des Drum-Parts behältst, schafft dir das Optionen, falls dein Plan A nicht ganz aufgeht.

"Vocals sind das Einzige, wo man vorsichtig sein muss, sich genügend Spielraum für Änderungen zu lassen", meint Jacquire King. "In diesen Fällen nehme ich normalerweise eine unbearbeitete Sicherheitsspur mit auf, aber ich will trotzdem weiterhin den von mir festgelegten Sound hören, während ich die Gesamtproduktion aufbaue."

Trevor Lawrence Jr findet – vielleicht etwas gegensätzlich – Sicherheit durch die Aufnahme seiner festgelegten Drum-Sounds, insbesondere bei Projekten, die mehrere Produzenten und / oder Mixing-Engineers betreffen: "Ich glaube fest an Sicherheit", erklärt er, " deshalb bemühe ich mich sehr, einen richtig passenden Drum-Sound für die Musik zu erreichen. Der Einsatz meiner UAD Vorverstärker, Plug-Ins und Apollos spielt dabei eine große Rolle. Ich nehme alle Plug-Ins, die ich im Frontend einsetze auf, gerade weil ich meinen Sound haben will, unabhängig vom System, auf dem er gemischt oder wieder aufgerufen wird.

Dieses Level an Entscheidung geht hin bis zu den Effekten, die ein bestimmter Musiker bei der Aufnahme im Studio verwendet, besonders bei Gitarristen, die einen Großteil ihres Signature-Sounds in Effektpedalen wie Delays und Reverbs erzielen.

"Wenn der Künstler mit diesem Effekt wirklich interagiert, dann nehme ich das tatsächlich so auf und nicht wie sonst üblich als Bus oder Send-Effekt", sagt Joel Hamilton. "In diesen Fällen sind die Effekte nicht nur etwas Beiwerk oder eine Möglichkeit für den Mixing-Engineer etwas Raum zu scahffen oder rhythmische Intensität hinzuzufügen – sie sind ein echter Teil des Songs." Das gleiche gilt für Chiccarelli, der sagt, dass Gitarren- oder Keyboard-Effekte wie Flanger, Verzerrung und Delay nicht nur Aromen sind, auf die er bis zum eigentlichen Mixdown warten will, sondern vielmehr elementare Tracking-Bestandteile, die "für dieses Instrument zu meinem Sound geworden sind."

Nach King`s Meinung bleiben Produktionen frisch und griffig, wenn man kreativ mit Plug-Ins und Outboard-Effekten hantiert und sich nicht vor einer Festlegung scheut, wenn einen die Inspiration trifft.

“Can't See Straight” von Jamie Lawson’s Album Happy Accidents, produziert von Joe Chiccarelli.

"Die Fähigkeit, Effekte und klangliche Veränderungen, die du einstellst, mit aufzunehmen ist essentiell", erklärt er. "Mir gefällt daher eher die Denkweise "Das ist der Sound des Tracks" oder "Das ist es, womit ich arbeite", als "Das klingt cool –aber ich kann es später immer noch anpassen."

"Wenn du daran arbeitest, deine Sounds bei jedem Schritt zu finalisieren", fährt King fort, "wirst du am Ende des Trackings feststellen, dass die Summe deiner Tracks dir helfen wird, sie als "fertig" zu identifizieren, und dann brauchst du nur noch eine erstklassige Balance und Räumlichkeit kreieren, und du hast einen fertigen Mix."

Chiccarelli stimmt zu und ergänzt, dass Apollo und die Unison-Technologie eine wichtige Rolle dabei spielen, warum er diesen Ethos des Verpflichtens auch in weniger idealen Umgebungen akzeptiert.

Bestimmt, aber offen für Veränderungen

Vielleicht hat die sich beschleunigende Veränderung in der Art wie wir aufnehmen, auch zu einer entsprechenden Veränderung in der Art, wie wir die Kunst des Mixings wahrnehmen, geführt. Unison Technologie kann eine Möglichkeit darstellen, das traditionelle Wissen, von dem Chiccarelli als "additiven Vorgang" des Trackings / Mixings spricht zu überdenken, so dass die Übergabe aus dem Aufnahmeraum in den Mixing-Raum ein flüssigerer und linearer Prozess wird. Andererseits versucht niemand, die Zeit zurückzudrehen. Können wir gleichzeitig auf die Weisheiten der analogen Aufnahme und die Fülle des digitalen Processings zugreifen? Natürlich können wir das.

Jacquire King argumentiert: "In der modernen Musikproduktion wünschen wir uns immer häufiger alternative Klangversionen der Instrumente, die wir verwenden, auch dann, wenn diese von organischen Quellen – also echten Instrumenten – stammen."

"Der Zugriff auf qualitativ hochwertige Vorverstärker und EQ-Plug-Ins im Frontend der Signalkette hat mir erlaubt, ganz nah an das eben gemalte Bild zu kommen, auch wenn ich in den abgelegensten oder ungünstigsten Aufnahmeumgebungen arbeite. Es ermöglicht schnelle Entscheidungen vor Ort."

Trevor Lawrence Jr.’s “Lovestoned” (feat. Drumpimp, LeAnn Rimes & Nicholas Payton) aus dem Album Relationships.

"Es ist nun mal so: Ich tendiere zu dem Gefühl, dass die Unentschlossenheit der Tod guter Kunst ist", fasst Chiccarelli zusammen. "Das ist nur mein persönlicher Ansatz beim Aufnehmen, aber ich versuche immer – und das bereits ab Tag eins – das Endresultat zu erreichen. Ich brauche die Werkzeuge für diese Entscheidungen und für jeden einzelnen Schritt auf dem Weg dahin. Für mich wird es immer der richtige Weg bleiben, bereits bei der Aufnahme in der Lage zu sein, meine "fertigen" Sounds zu bearbeiten und auszuwählen.

— James Rotondi / Übersetzt von Marcus Schlosser

Weiter